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Wissenschaft

28. August 2006

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Starke Gefühle – Neueste Erkenntnisse zum Schmerzempfinden

Die vor kurzem erfolgte Entdeckung der Verstärkung auch von schwachen Schmerzen im Rückenmark ist jetzt Anlass für ein Symposium zur „Risikoabschätzung in der Schmerztherapie“. Ziel des in Wien stattfindenden internationalen ExpertInnen-Treffens ist die Optimierung der Schmerztherapie unter Berücksichtigung dieser bisher unbekannten Verstärkung. Damit können diese in SCIENCE veröffentlichten Ergebnisse eines Projekts des Wissenschaftsfonds FWF sehr rasch PatientInnen zu Gute kommen, die chronisch an starken Schmerzen leiden.

Ständige Schmerzen können einem auf die Nerven gehen – wörtlich! Dafür ist das Phänomen der Schmerzverstärkung verantwortlich. Dieses sorgt bei lang anhaltenden Schmerzreizen für ständige Veränderungen an jenen Nervenzellen, die für die Weiterleitung des Schmerzsignals verantwortlich sind. So wird die Schmerzempfindung gesteigert und kann sogar dann andauern, wenn das eigentliche Schmerzsignal schon lange abgeklungen ist.

Stark & Schwach

Die Schmerzverstärkung ist zwar sowohl für schwache wie auch für starke Schmerzen bekannt – das Erklärungsmodell wie dieses Phänomen entsteht, beruht aber ausschließlich auf Untersuchungen mit starken Schmerzreizen. Tatsächlich verursachen schwache Schmerzen nicht all jene neuronalen Vorgänge, die das bisherige Erklärungsmodell für die Schmerzverstärkung fordert.

Im Juni dieses Jahres veröffentlichte nun die Arbeitsgruppe um Prof. Jürgen Sandkühler, Abteilung für Neurophysiologie, Medizinische Universität Wien, Ergebnisse in SCIENCE, die eine Schmerzverstärkung auch bei schwachen Schmerzen erklären. Dazu Prof. Sandkühler: „Wir konnten in einem kontrollierten Laborsystem zeigen, dass die Verstärkung selbst dann auftritt, wenn der Schmerz ganz schwach ist. Tatsächlich haben wir elektrische Reize verwendet, die 50-mal schwächer waren als jene die bisher angewendet wurden, um eine Verstärkung zu provozieren. Solche schwachen Schmerzsignale sind charakteristisch bei der Wundheilung und Entzündungen.“

Weiters konnte Prof. Sandkühler auch jene Zellen identifizieren, die für diese bisher unbekannte Verstärkung verantwortlich sind. Diese Zellen liegen in der als Lamina I bezeichneten Schicht im Hinterhorn des Rückenmarks und sorgen dafür, dass die Signale der peripheren Schmerz- fasern auf die zum Gehirn führenden Nervenbahnen im Rückenmark übertragen werden.

Leuchtender Hinweis

In dem umfassenden Projekt zeigte Prof. Sandkühler und sein Team auch, welcher zelluläre Mechanismus für diese bisher unbekannte Verstärkung verantwortlich ist. Dazu wurden Zellen mit Farbstoffen versetzt, die in Abhängigkeit der Konzentration an Kalzium-Ionen leuchten. So konnte gezeigt werden, dass die Konzentration an Kalzium-Ionen in diesen Zellen der Lamina I auch in Reaktion auf schwache Schmerzreize sehr stark ansteigt. Tatsächlich sind Kalzium- Ionen bei einer Vielzahl an zellulären Signalübertragungen beteiligt. So auch in diesem Fall, wo die Kalzium-Ionen Proteine aktivieren, die der Weiterleitung des Schmerzreizes dienen.

Tatsächlich haben diese neuen Erkenntnisse grundlegende Bedeutung für die Schmerztherapie. Dazu Prof. Sandkühler: „Möchte man eine Verstärkung nachhaltig vermeiden, dann reicht es nicht aus, Patientinnen und Patienten zum Beispiel nach einer Operation für kurze Zeit mit Schmerzmitteln zu versorgen. Die Schmerztherapie muss so lange ohne Unterbrechung fortgeführt werden, bis der Schmerz weitgehend abgenommen hat.“

Damit diese Empfehlungen rasch umgesetzt werden, engagiert sich Prof. Sandkühler auch für die Organisation eines ExpertInnen-Treffens zum Thema. So wird bereits am 10. November 2006 die Veranstaltung „Risikoabschätzung in der Schmerztherapie“ stattfinden, deren Ziel es ist die Chancen und Risiken der aktuellen Therapieverfahren auch vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse zu bewerten. Gemeinsam mit der Interdisziplinären Gesellschaft für Orthopädische Schmerztherapie (IGOST) gelang es Prof. Sandkühler VertreterInnen der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS), sowie der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) und international renommierte SchmerzforscherInnen zu dieser Veranstaltung nach Wien einzuladen. Damit werden die Ergebnisse aus diesem FWF-Projekt rasch für konkrete Empfehlungen zur Therapie an Kliniken genutzt.

Bild und Text ab Montag, 28. August 2006, 09.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://www.fwf.ac.at/de/public_relations/press/pv200608-de.html

Hinweis: Seit 16. August 06 finden Sie den Wissenschaftsfonds FWF an seiner neuen Adresse 1090 Wien, Sensengasse 1.

Wissenschaftlicher Kontakt: Prof. Jürgen Sandkühler Dept. für Neurophysiologie Zentrum für Hirnforschung Medizinische Universität Wien T +43 / 1 / 4277 – 62835

E juergen.sandkuehler@meduniwien.ac.at

Der Wissenschaftsfonds FWF: Mag. Stefan Bernhardt
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Wien, 28. August 2006