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Wissenschaft

7. November 2016

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Optimierte Langzeitpflege für Personen mit Demenz

Pflegeheime stehen durch die wachsende Zahl von Personen mit Demenz vor massiven Herausforderungen und evidenzbasierte Entscheidungen sollen zur deren Bewältigung maßgeblich beitragen. Doch bisher gibt es wenige wissenschaftliche Untersuchungen der institutionellen Langzeitpflege in Europa, die eine gute Informationsgrundlage bieten könnten. Ein Projekt des Wissenschaftsfonds FWF ändert das nun und legt dabei besonderes Augenmerk auf Personen mit Demenz.

Die Lebenserwartung steigt – und damit auch der Bedarf an professioneller Langzeitpflege. Tatsächlich kann das Angebot den Bedarf kaum decken. Intelligente Anpassungen der Ressourcen sind gefragt. Nur so können leistbare Dienste in der notwendigen Qualität auch zukünftig angeboten werden. Für die notwendigen Adaptionen sind fundierte und kritische Analysen gefragt, die für den Bereich der institutionellen Langzeitpflege in Europa kaum vorhanden sind. Erstmals werden nun an der Donau-Universität Krems in Kooperation mit dem oberösterreichischen Verein MAS Alzheimerhilfe und der Karls-Universität Prag Daten für die Situation in der Tschechischen Republik und in Österreich erhoben. Das Projekt wird vom Wissenschaftsfonds FWF und der tschechischen Partnerorganisation GACR gefördert. Der Fokus liegt auf Personen mit Demenz, die einer besonders intensiven Pflege und Begleitung bedürfen.

Pflegedaten durch Datenpflege

Die Projektleiterin, Stefanie Auer vom Zentrum für Demenzstudien des Departments für Klinische Neurowissenschaften und Präventionsmedizin, konkretisiert die Ziele der Studie so: „Im Mittelpunkt der Langzeitpflege steht ja eigentlich der Bedürftige, doch genau der ist wissenschaftliche Terra incognita. Über seine Kognitions- und Leistungsfähigkeit sowie seine Verhaltensmuster ist viel zu wenig bekannt. Wie soll da eine Anpassung des Pflegeangebotes bei gleichbleibender Qualität erfolgen?“ Genau diese fehlenden Daten werden Auer und ihre tschechischen Kooperationspartnerinnen Iva Holmerova und Hanka Vankova nun in jeweils sechs zufällig ausgewählten Pflegeeinrichtungen in Österreich und Tschechien erheben. Insgesamt werden dabei bis zu 1.000 Pflegebedürftige erfasst, deren Daten anonymisiert in die Studie einfließen. Neben allgemeinen Daten zu Alter und Geschlecht stehen die kognitiven Fähigkeiten sowie medizinische und soziale Parameter im Mittelpunkt des Projekts.

Datendimensionen

Doch auch drei weitere Bereiche, die wesentlichen Einfluss auf die Pflegesituation nehmen, werden erfasst: die Betreuungsteams in den Pflegeeinrichtungen und deren Belastungen, die Angehörigen der Pflegebedürftigen sowie Details zu den Pflegeeinrichtungen. Wie wichtig eine solche mehrdimensionale Datenerhebung ist, erläutert Stefanie Auer anhand eines Beispiels: „Die Praxiserfahrung zeigt, dass Menschen mit Demenz im Pflegeheim häufig an Depressionen leiden, oft ruhelos sind und ziellos wandern. Diese Verhaltensauffälligkeiten stellen für andere Bewohner, das Pflegeteam und die Angehörigen eine enorme Belastung dar. Und obwohl es Hinweise gibt, dass solche Verhaltensweisen durch Umgebungsfaktoren und Ausbildung beeinflusst werden, wissen wir sehr wenig über konkrete Zusammenhänge.“ Diese wichtigen, bisher aber weitestgehend unbekannten Faktoren, die sich auf die gesamte Pflegesituation auswirken, hoffen Stefanie Auer und ihre Kolleginnen zu identifizieren und besser verstehen zu lernen.

Eine Studie – Zwei Perspektiven

Aus dem Anspruch, die Pflegesituation möglichst ganzheitlich zu erfassen, resultiert auch ein weiterer Aspekt der Studie, der das Interesse internationaler Kolleginnen und Kollegen weckt. Tatsächlich werden in der Studie die Expertisen zweier Disziplinen in ein gemeinsames Studienprotokoll münden. Denn, sowohl Erhebungsmethoden der Medizin als auch der Psychologie werden vereint und bieten so die Möglichkeit, größere und stärker vernetzte Datenmengen zu erfassen. Dies wiederum erlaubt eine bessere statistische Auswertung und damit schlussendlich bessere Entscheidungsgrundlagen. Dazu trägt weiters bei, dass die für die Studie ausgesuchten Pflegeeinrichtungen aus allen drei Trägerbereichen stammen (staatlich, kirchlich und privat). So wird eine dem tatsächlichen Pflegeangebot entsprechende repräsentative Studie gewährleistet.

Allgemeingut

Überhaupt ist die grundlegende Gültigkeit der im Rahmen des Projekts zu entwickelnden Protokolle Stefanie Auer ein ganz wichtiges Anliegen. Denn die Herausforderungen an das Pflegesystem durch die Bevölkerungsentwicklung sind in ganz Europa ähnlich gelagert und vor allem grundsätzliche Erkenntnisse werden einen signifikanten Beitrag zur Bewältigung schaffen können. Erkenntnisse, wie sie dieses FWF-Projekt generiert.

 

Zur Person

Stefanie Auer ist am Department für Klinische Neurowissenschaften und Präventionsmedizin der Donau-Universität Krems wissenschaftlich tätig. Sie ist Leiterin des Zentrums für Demenzstudien und wissenschaftliche Leiterin der MAS Alzheimerhilfe in Österreich. Ihr besonderes Interesse gilt nicht-medikamentösen Therapien für Menschen mit Demenz sowie der Entwicklung von innovativen Betreuungsmodellen für ländliche Regionen. Sie hat zuvor an Universitäten in Deutschland und den USA geforscht. 

Publikationen:

Professional care team burden (PCTB) scale- reliability, validity and factor analysis. Auer, S, Gräßel E, Viereckl C, Kienberger U, Span E, Luttenberger K. biomedcentral open access 2015. Health and Quality of Life Outcomes (2015) 13:17 Doi: 10.1186/s12955-014-0199.

http://hqlo.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12955-014-0199-8

Dementia service centres in Austria: A comprehensive support and early detection model for persons with dementia and their caregivers-theoretical foundations and model description. Auer, S. Span E. Reisberg B. Dementia (London). 2015 Jul;14(4):513 – 27. Doi: 10.1177/1471301213502214.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4514820/

Weiterführende Information:

http://www.donau-uni.ac.at/demdata

Bild und Text ab Montag 7. November 2016 ab 10.00 Uhr MEZ verfügbar unter:http://scilog.fwf.ac.at

 

Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Stefanie Auer
Department für Klinische Neurowissenschaften
und Präventionsmedizin
Donau-Universität Krems
Dr.-Karl-Dorrek-Straße 30
3500 Krems
T +43 / 6132 / 21410
E: Stefanie.Auer@donau-uni.ac.at
W www.donau-uni.ac.at

Der Wissenschaftsfonds FWF:
Marc Seumenicht
Haus der Forschung
Sensengasse 1
1090 Wien
T +43 / 1 / 505 67 40 – 8111
E marc.seumenicht@fwf.ac.at
W http://www.fwf.ac.at

Redaktion & Aussendung:
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Wien, 7. November 2016