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21. April 2008

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Offener Brief – Hat Minister Buchinger den EU-Vorschlag zu Nachhaltigkeitskriterien für erneuerbare Energien vom 23. Jänner 2008 verschlafen?

Von
Vogelbusch GmbH

An
Bundesminister Dr. Erwin Buchinger

Guten Morgen Herr Minister!

Bezugnehmend auf Ihre Äußerungen im Zusammenhang mit der Forderung nach einem „Agrarsprit-Moratorium“ (via APA-OTS vom 14. April 2008), erlauben wir uns – als österreichisches Unternehmen mit 85 Jahren Tradition und 30 Jahren Erfahrung mit Bioethanolanlagen – folgende Hinweise und Kommentare:

„Weitere Umsetzungsschritte sowie die Inbetriebnahme neuer Anlagen müssen einstweilen umgehend gestoppt werden, bis klar ist, was diese Technologie wirklich zum Klimaschutz beitragen kann“.

Schon erledigt, Herr Minister! Der neue Richtlinien-Vorschlag der EU zu erneuerbaren Energien vom 23. Jänner 2008 definiert eine Reihe von Nachhaltigkeitskriterien für die zur Bioethanol-Produktion verwendeten Produktionsanlagen und Rohstoffe. Der Beitrag zum Klimaschutz ist darin offensichtlich.

So wird im Artikel 15 eine Reduktion der Treibhausgasemission im Vergleich zur Herstellung von Benzin um 35 Prozent auferlegt – ein ambitioniertes Ziel, das aber bei entsprechenden F&E-Leistungen machbar ist. Anlagen der Vogelbusch GmbH übertreffen bereits heute diesen Wert bei weitem.

Bei Umsetzung dieser Richtlinie werden in Europa die nachhaltigsten Biotreibstoffe der Welt erzeugt werden. Ein Ziel, das durch ein Moratorium für Österreich klar in Frage gestellt würde. Trotzdem werden die Produzenten von Benzin aus fossilen, nicht-erneuerbaren Treibstoffen Ihre Aufforderung zu einem Moratorium sicherlich dankend unterstützen.

„Weder aus Gesichtspunkten der Energiebilanz, … scheinen Agrartreibstoffe als eine zukunftsträchtige Lösung derzeit sinnvoll.“

„Die Beimengung von Agrartreibstoffen leistet aufgrund der aufwendigen Produktion letztlich keinen großen Beitrag zur Senkung des CO2-Ausstoßes.“

Laut einer Lebenszyklusanalyse von Joanneum Research werden bei Verwendung von Bioethanol pro gefahrenen PKW-Kilometer 30 – 40 Prozent fossiler Energieträger eingespart.

Sind 30 – 40 Prozent tatsächlich „kein großer Beitrag“?

Im Vergleich zur Herstellung von Benzin aus fossilen Energieträgern zur Produktion von Bioethanol wird in modernen, energieeffizienten Anlagen der Vogelbusch GmbH derzeit 44 Prozent weniger Treibhausgas emittiert (Basis: Bioethanol aus Mais inklusive der Produktion von Eiweißfuttermitteln).

Sind 44 Prozent tatsächlich „kein großer Beitrag“?

Weitere Investitionen unseres Unternehmens in Forschung und Entwicklung werden diese bereits positive Energiebilanz in Zukunft stetig optimieren. Ein Ziel, das durch ein Moratorium klar in Frage gestellt wird.

Selbst wenn über den genauen Umfang des von Ihnen erwähnten geringen Beitrags des Bioethanols zur Senkung des CO2-Ausstoßes vielfältige und konträre Meinungen herrschen mögen, so nehmen wir zur Kenntnis, dass auch Sie es außer Frage stellen, dass Bioethanol diesen Beitrag überhaupt leistet. Einen Beitrag, den fossile Energieträger natürlich nicht leisten können.

„… noch aus sozial- oder umweltpolitischen geschweige denn aus ethischen Erwägungen scheinen Agrartreibstoffe als eine zukunftsträchtige Lösung derzeit sinnvoll.“

Die hier implizierte Sorge um steigende Lebensmittelpreise in der Welt ist verständlich und wird von uns mitgetragen. Tatsächlich ist jedoch ein kausaler Zusammenhang zwischen den weltweit steigenden Lebensmittelpreisen und der Herstellung von Bioethanol bisher nicht nachweisbar und Ihre Implikation damit im besten Fall voreilig. Bitte bedenken Sie, dass auch der Preis für Reis seit dem Jahr 2007 um satte 100 Prozent angestiegen ist – ohne dass je ein Liter Bioethanol aus Reiskörnern hergestellt wurde.

Des Weiteren sei betont, dass laut FAO – Food & Agriculture Organization der Vereinten Nationen – weltweit im Jahr 2006 nur 1 Prozent der Ackerfläche zur Produktion von Rohstoffen für die Biotreibstoff-Herstellung verwendet wurde (Prognose für 2030: 2 Prozent). Obwohl dies auch das Angebot und die Nachfrage beeinflussen wird, so ist der Umfang dieses Einflusses ganz sicher deutlich geringer als der anderer Markt- und Finanzkräfte.

„Diese Technologie ist eine Sackgasse.“

Eine Technologie ist dann eine Sackgasse, wenn Investitionen in die weitere Erforschung und Entwicklung eingestellt werden. Vor dem Hintergrund des Zukunftspotenzials erneuerbarer Energieträger, des Vorschlags der EU zu neuen Richtlinien und auch dem Ziel 3 Prozent des nationalen BIPs in F&E zu investieren, erscheint ein solcher Investitionsstopp unverantwortlich.

„Das Ziel der Beimischung von zehn Prozent Agrarsprit bis zum Jahr 2010 muss überdacht werden.“

Im März 2007 haben die EU-Mitgliedstaaten entschieden, den Anteil von Biokraftstoff am Gesamtverbrauch in den EU-Mitgliedstaaten bis zum Jahr 2020 auf 10 Prozent zu erhöhen. Die österreichische Regierung beschreitet mit dem ambitionierten Plan dieses Ziel bereits im Jahr 2010 zu erreichen einen nationalen Alleingang, dessen Umsetzung auch unserer Ansicht nach das Ergebnis eines konstruktiven Reflektionsprozesses mit allen betroffenen Parteien sein sollte.

Daher würden wir, die Vogelbusch GmbH, uns freuen Sie, Herr Minister, zu einem gemeinsamen Gespräch einladen zu dürfen. Ziel dieses Gesprächs ist es, die von Ihnen geforderte Klärung durch die Präsentation von Daten aus unserer 30-jährigen Erfahrung mit Biotreibstoff-Herstellung zu initiieren.

Wir erlauben uns Ihre Büroleitung in den nächsten Tagen diesbezüglich zu kontaktieren. Hochachtungsvoll

Ing. Josef Modl Katharina Harlander*
Prokurist, Vogelbusch GmbH Leiterin Marketing, Vogelbusch GmbH