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31. März 2015

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Meine zwei Ichs: Wiener Neurobiologe findet einfachen Test für komplexe Persönlichkeitsstörungen

Wien – 31. März 2015 – Vier Worte lesen – das könnte zukünftig ausreichen, um bei Kindern und Erwachsenen Persönlichkeitsstörungen wie Schizophrenie und Autismus besser zu diagnostizieren – zumindest dann, wenn gleichzeitig auch Hirnstromaktivitäten gemessen werden. Für den klinischen Alltag wäre das eine signifikante Erleichterung, deren Entwicklung dem Leiter des Departments für Psychologie an der Webster Vienna Private University, Prof. Peter Walla, in Zusammenarbeit mit seiner deutschen Kollegin Cornelia Herbert von den Universitäten Tübingen und Würzburg, jetzt gelungen ist. Nach ersten Veröffentlichungen in den Jahren 2007 und 2008 zeigt die diese Woche international veröffentlichte Arbeit, dass bereits beim Lesen einfacher Worte elektrische Hirnaktivitäten eine Unterscheidung zwischen zwei Ebenen des „Ich“ erkennen lassen. Diese zwei Ebenen formen unsere Persönlichkeit, das „Ich“, und man vermutet, dass bei Persönlichkeitsstörungen unter Umständen nur eine der Ebenen betroffen ist. Die neue Methode könnte dann konkrete Hinweise auf selektive Beeinträchtigungen nur einer dieser Ebenen geben und so die klinische Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen radikal vereinfachen, was wiederum eine frühere und bessere Behandlung ermöglichen würde.

Ich, Du, Er, Sie, Es …

Grundlage der Arbeit ist die Beobachtung, dass die menschliche Persönlichkeit aus zwei als „Me1“ und „Me2“ bezeichneten Komponenten bzw. Ebenen besteht. Diese lassen sich durch unterschiedliche Hirnaktivitäten nachweisen – insbesondere dann, wenn das Hirn Informationen auf einen Personenbezug hin analysiert. Die erste der beiden Komponenten unterscheidet dabei, ob eine Information einen – irgendeinen – Personenbezug hat und die zweite, ob die eigene oder eine andere Person betroffen ist. Bei Persönlichkeitsstörungen kann es nun für die Diagnose wichtig sein, diese beiden Ich-­‐Ebenen differenzieren zu können – doch genau das schaffen bisherige Diagnoseverfahren nicht. Dazu Prof. Walla: „Für Schizophrenie und Autismus beruhen die klassischen Diagnosen auf Befragungen – diese sind gerade bei Kindern nicht sehr zuverlässig. Zusätzlich können Befragungen, sowie die Befragten selbst, die beiden Ich-­‐Ebenen nicht unterscheiden. Unsere Methode erlaubt nun eine objektive Untersuchung dieser beiden Persönlichkeits-­‐Komponenten. Damit stehen völlig neue Therapiemöglichkeiten zur Verfügung.“

Das Beeindruckende an der von Prof. Walla entwickelten Methode ist dabei ihre einfache Anwendung: Die vier Worte „ein“, „mein“, „sein“ und „dein“ werden einer Person auf einem Computerschirm gezeigt und deren Hirnstromaktivität dann beim Lesen mittels Elektroenzephalografie (EEG) gemessen. Dazu reichen wenige, auf der Kopfhaut befestigte, Elektroden. Das EEG zeigt dann die elektrischen Hirnaktivitäten nach dem Lesen der Worte – die sich je nach Wort unterscheiden.

Wir & Ich

Mit den nun in Cogent Psychology veröffentlichten Daten zeigt Prof. Walla, dass schon nach 250 Millisekunden unterschiedliche Aktivitäten im Hirn messbar sind. Dazu Prof. Walla: „Wurde das Wort „ein“ gelesen, war zu diesem Zeitpunkt die Hirnstromaktivität ganz deutlich anders als wenn eines der drei persönlichen Pronomen „mein“, „sein“ und „dein“ gelesen wurde (Wir). Das Hirn unterscheidet da eindeutig zwischen allgemeiner und personenbezogener Information. Dies repräsentiert die erste Ich-­‐Ebene des Hirns.“ Weitere 200 Millisekunden später unterscheidet sich die Hirnstromaktivität nach dem Lesen des Wortes „mein“ stark von der nach dem Lesen aller anderen Worte. Zu diesem Zeitpunkt wird, so Prof. Walla, die zweite Ich-­‐Ebene im Hirn aktiv. Diese erlaubt es nun, den Bezug einer Information für die eigene Person zu erkennen, wie zum Beispiel das bewusste Erleben von Gefühlen.

Aufgrund dieses innovativen Befundes wird angenommen, dass bei Persönlichkeitsstörungen womöglich nur eine der beiden Ebenen betroffen sein könnte. Bisher hatte man aber keinen methodischen Ansatz, diese beiden Ich-­‐Ebenen zu unterscheiden. Insbesondere bei Kindern war es mit den bisherigen Methoden schwer, diese zu differenzieren. Mit der von Prof. Walla entwickelten Methode kann aber genau das auf einfache Art und Weise erfolgen. Aufgrund ihrer Simplizität eignet sich die Methode auch für die Anwendung bei Kindern. So schafft sie Möglichkeiten für eine frühere Diagnose als bisher – und damit die Voraussetzung für eine raschere und gezieltere Therapie.

Originalpublikation: Walla, P. and Herbert, C. (2015). Hierarchy and dynamics of self-­‐referential processing: the non-­‐personal Me1 and the personal Me2 elicited via single words. Cogent Psychology, Volume 2, Issue 1, 2015 http://dx.doi.org/10.1080/23311908.2015.1019236

Walla, P., Duregger, C., Greiner, K., Thurner, S., and Ehrenberger, K. (2008). Multiple aspects related to self awareness and the awareness of others: an Electroencephalography (EEG) study. Journal of Neural Transmission, 115(7):983-­‐92.

Walla, P., Greiner, K., Duregger, C., Deecke, L., and Thurner, S. (2007). Self awareness and the subconscious effect of personal pronouns on word encoding: a magnetoencephalographic (MEG) study. Neuropsychologia, 45: 796-­‐ 809.

 

Über die Webster Vienna Private University
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