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Wissenschaft

16. März 2015

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Gekaperte Piraten: Die Piratenfigur auf den Fahnen verschiedener Ideologien

Die literarische Darstellung von Piraten und Piratinnen wird im Rahmen eines Projekts des Wissenschaftsfonds FWF derzeit untersucht. Das Ziel ist dabei ein besseres Verständnis über die historische Rolle des Piraten bei der Legitimierung unterschiedlicher Ideologien und Diskurse. Insbesondere wird dafür die nordamerikanische Literatur und Kultur während der Hochblüte der Piraterie vom späten 17. Jahrhundert bis zum Sezessionskrieg untersucht. Die zusammenführende Analyse unterschiedlichster Originalquellen dient einem besseren Verständnis der Nutzung dieser zwiespältigen Identifikations- und Abgrenzungsfigur.

Piraten als revolutionäre Abenteurer und gewaltbereite Kriminelle bevölkern Literatur und Populärkultur. Holzbein, Kopftuch und Papagei als Requisiten, auf die ihre Darstellung oft reduziert wird, überdecken jedoch die Vielschichtigkeit der Figur. Denn hinter ihrer Darstellung verstecken sich häufig gegensätzliche Auffassungen von nationaler, kultureller und geschlechterspezifischer Identität. Daher wird die Figur des Piraten nun in einem Projekt am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien einer genaueren literarischen Betrachtung unterzogen.

Vogelfrei wie Jack Sparrow

Das Projekt nimmt die Situation zur Hochblüte der Piraterie im späten 17. Jahrhundert als Ausgangspunkt der Betrachtung – eine Zeit also, als die politische und gesellschaftliche Situation der europäischen Kolonialmächte und der künftigen Vereinigten Staaten von großen Umbrüchen und Krisen gekennzeichnet war. Dr. Alexandra Ganser, Projektleiterin, dazu: „Zu dieser Zeit war der Pirat juristisch gesehen ein für nationale Gesetzgebungen nicht greifbares Subjekt, ein Gesetzloser. Diese Sonderstellung machte ihn gerade in der Zeit neu entdeckter und heiß umkämpfter Territorien und Kolonien zu einer beliebten Figur. Sein Geist wurde gerne heraufbeschworen, um eigene Vorstellungen der Rechtmäßigkeit von Besitztümern, Territorien und deren Bevölkerungen zu rechtfertigen.“

Im Rahmen des Projekts wird nun untersucht, wie in der Piratenliteratur große politisch- gesellschaftliche Krisenszenarien diskutiert werden. Eine erste ist die Entdeckung Amerikas selbst: Die Literatur um 1700 stellt Piraten oft als Entdecker und ihre Plünderungen als wertvolle Beiträge für die europäische Wissenshoheit dar. Die Krise der Lösung von der britischen Krone bis hin zur Unabhängigkeitserklärung spiegelt sich auch in der Darstellung von Piraten als heroische patriotische Kämpfer wider, einem weiteren Schwerpunkt der Untersuchung. Negativ assoziiert wurde der Pirat hingegen z. B. in der Darstellung Englands als Pirat, der Amerika dessen natürliches Recht der Unabhängigkeit zu verweigern versucht.

Die nun begonnene Studie soll herausarbeiten, wie dabei die Piratenfigur zur Untermauerung und Legitimierung der jeweils eigenen politischen Gesinnung dient. Zusätzlich wird in dem Projekt auch eine Brücke zur Gegenwart geschlagen: So soll aufgezeigt werden, wie Piraterie z. B. mit Fragen des intellektuellen Besitzes und Urheberrechtsverletzungen verknüpft wird oder mit unkonventionell agierenden politischen Parteien.

Gegen den Strom

Die methodische Herangehensweise, das sogenannte „kontrapunktische“ Lesen ermöglicht Dr. Ganser dabei ein Lesen gegen den Strom. So können vorherrschende Ideologien sichtbar gemacht werden. Gleichzeitig zeigt die Methode auch die Vielstimmigkeit der Texte. „Für manche Kritikerinnen und Kritiker wird der Pirat zum exzessiven Big Spender, durstig nach Profit und damit zum prototypischen Kapitalisten und Kolonialherren. Andere Denkschulen stellen den Piraten als Verfechter alternativer Lebensentwürfe und radikaler Demokratie und Gleichheit dar. Piratengemeinschaften werden dabei als Mikrogesellschaften gesehen, wo ethnische, soziale und Geschlechtsunterschiede als unwichtig erachtet werden“, so Dr. Ganser.

Das FWF-Projekt zeigt, wie geistes- und kulturwissenschaftliche Forschung es erlaubt, verborgene Geisteshaltungen hinter als bekannt erachteten Texten und Figuren zu entschlüsseln und einzuordnen. Die vielschichtige Bedeutung solcher Texte für die Bildung eines nationalen und kulturellen Zugehörigkeitsgefühls wird dabei aufgezeigt.

 

Bild und Text ab Montag, 16. März 2015, ab 10.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://www.fwf.ac.at/de/wissenschaft-konkret/projektvorstellungen/2015/pv2015-kw12

 

Wissenschaftlicher Kontakt:
Dr. Alexandra Ganser
Universität Wien
Institut für Anglistik und Amerikanistik
Spitalgasse 2-4/8.3
1090 Wien
T +43 / 1 / 4277 – 42414
E alexandra.ganser@univie.ac.at

Der Wissenschaftsfonds FWF:
Marc Seumenicht
Haus der Forschung
Sensengasse 1
1090 Wien
T +43 / 1 / 505 67 40 – 8111
E marc.seumenicht@fwf.ac.at
W http://www.fwf.ac.at

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Wien, 16. März 2015