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Wissenschaft

9. Oktober 2017

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Frauenstimmen gegen Vorurteile in der Monarchie

Sie stammten aus der Monarchie Österreich-Ungarn, migrierten, schrieben vielfältig und gegen den gesellschaftlichen Mainstream des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an und wurden in der Literaturgeschichte bisher weitgehend vernachlässigt: Germanistin Alexandra Millner hat mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF 200 Autorinnen mit Migrationserfahrung aufgespürt und in einer Datenbank vereint.

 

Dass Frauen sich Bildung aneignen, selbst schreiben und ihre Werke gelesen werden, war zur Zeit der Habsburgermonarchie nicht die Regel. Umso erstaunlicher ist es, dass Alexandra Millner von der Universität Wien unterstützt vom Wissenschaftsfonds FWF nicht wenige, heute unbekannte Autorinnen gefunden hat, die im damaligen Österreich-Ungarn äußerst produktiv waren: Frauen mit Migrationserfahrung, die häufig gegen den gesellschaftlichen Mainstream anschrieben und zum Teil ein großes Lese-Publikum hatten. Im Rahmen vorangehender Forschung war der Germanistin aufgefallen, dass Frauen, die ihren Lebensmittelpunkt änderten, oft einen anderen Blick auf die Gesellschaft hatten. Ausgehend von bekannten Schriftstellerinnen wie Bertha von Suttner, Ada Christen oder Marie von Ebner-Eschenbach spürte die Elise-Richter-Stipendiatin am Institut für Germanistik rund 200 Autorinnen im Zeitraum von 1867 bis 1918 auf: frühe, zum Teil subversive Frauenstimmen, die sich unter den erschwerten Bedingungen der Zensur Gehör verschafften.

Neue Datenbank erweitert tradierten Kanon

Gemeinsam mit Katalin Teller von der Eötvös-Loránd-Universität Budapest deckte Millner ausgehend von Standard-Werken zur Literaturgeschichte, digitalisierten historischen Literaturzeitschriften, Datenbanken (z.B. Ariadne https://www.onb.ac.at/forschung/ariadne-frauendokumentation) sowie Bibliotheksverzeichnissen zu Unrecht vernachlässigte Namen auf. „Die Digitalisierung der Zeitschriften ist für uns ein Segen, zumal viele Frauen den Schritt von der unselbstständigen Publikation zu eigenen Büchern nie vollzogen haben“, betont Millner. Aus der Fülle des Materials wurden fünf Lebensgeschichten ausgesucht und exemplarisch vertieft. In der öffentlich zugänglichen Datenbank www.univie.ac.at/transdifferenz, die laufend ergänzt werden soll, sind nun Informationen zu Name und/oder Pseudonym, Lebensdaten, Migrationsbewegung, selbstständigen und unselbstständigen Publikationen sowie Links zu Digitalisaten für jede der gefundenen Autorinnen abrufbar. Der tradierte Literaturkanon hat durch diese Grundlagenforschung eine wertvolle Ergänzung erfahren.

Die Migrationserfahrungen der Frauen waren ganz unterschiedlich: Vom Rand der Monarchie in die Residenzhauptstadt Wien, in die Gegenrichtung, ins Exil, mit anderer Erstsprache als Deutsch, freiwillig oder erzwungen, wohlhabend oder mittellos. Die Autorinnen stammten häufig aus dem Adel oder gehobenen Bürgertum; sie waren Lehrerinnen, Schriftstellerinnen, Schauspielerinnen, Arbeiterinnen oder Journalistinnen. Viele schrieben, weil sie aufgrund der Großen Depression plötzlich einen Beruf ergreifen und Geld verdienen mussten. Deutsch als Amtssprache einte sie mit ihrem Lesepublikum, denn in der Habsburgermonarchie war eine strikte Form dessen, was man heute „Leitkultur“ nennt, in Kraft. Vor dem Hintergrund von Industrialisierung und Alphabetisierung wurde im Vergleich zu heute ein Vielfaches an Tageszeitungen und Zeitschriften publiziert und gelesen. Schrift wurde zunehmend ein Medium zur Verbreitung politischer Ideen. Im Rahmen ihres Elise-Richter-Stipendiums des FWF wollte Alexandra Millner den Literaturkanon erweitern: „Mir ist aufgefallen, dass viele Frauen, die aus der Peripherie ins Zentrum migriert waren, anders schrieben als jene aus dem Zentrum der Monarchie. Das geht sichtlich auf die Intensität der Migrationserfahrung zurück, die nach Formulierung und Ausdruck verlangt, und führt zu einem vorurteilsfreieren Blick.“

Transdifferenz – Hinauswachsen über Vorurteile

Um das Subversionspotenzial der Frauenstimmen auszuloten, begab sich Alexandra Millner auf die Suche nach bewusst in die Literatur eingeflochtenen „transdifferenten Momenten“. Transdifferenz beschreibt das Abweichen oder Hinauswachsen einer Person über Eigenschaften, die ihr aufgrund der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe (mit Kategorien wie Geschlecht, Religion, Sprache, Schicht, Profession oder Generation) zugewiesen werden. Die Germanistin hat eine Methode entwickelt, „um vor dem Hintergrund viel gelesener Literatur in Österreich-Ungarn und den darin vorkommenden Figuren Abweichungen festzustellen“, berichtet Millner. „Auffallend sind für mich Schriftstellerinnen, die populäre stereotype Figuren wie ‚das böhmische Dienstmädel’‚ oder ‚die junge Zigeunerin‘ gegen den Strich schreiben.“ Als Beispiel darf etwa eine Erzählung von der zu ihrer Zeit durchaus bekannten Naturalistin und Salonnière Eugenie Marie delle Grazie gelten, in der eine junge Romni nicht mit den stereotypen Eigenschaften wie schön, wild, verführerisch oder verschlagen gezeigt wird, sondern unschuldig und moralisch integer. Zudem verwehrt sich die junge Erzählerin in einem Gespräch mit ihrer alten Amme gegen deren negativen Vorurteile gegenüber den Roma.

Es zeigt sich auch, dass im Gefolge großer Emanzipationsbewegungen wie der Französischen Revolution oder der Abschaffung der Sklaverei in den USA und im Zuge der Ermächtigung der Frauen sowie der Arbeiterklasse subtile literarische Stimmen immer lauter wurden. Nebenbei beweist die Datenbank, dass Migration zur Menschheitsgeschichte gehört. Die Erfahrung mit Ortswechseln schärft den Blick für Stereotype und Vorurteile. Und der Blick zurück auf die historische Literatur wirft wiederum ein neues Licht auf die gegenwärtige Literatur über Migrationserfahrungen.


Zur Person
Alexandra Millner (https://germanistik.univie.ac.at/personen/millner-alexandra/) forscht am Fachbereich Neuere deutsche Literatur des Instituts für Germanistik (https://germanistik.univie.ac.at/) der Universität Wien. Sie studierte Deutsche Philologie, Anglistik und Amerikanistik sowie Kunstgeschichte und promovierte in Deutscher Philologie. Ihre Spezialgebiete sind Literatur und Kultur ab dem 19. Jahrhundert, insbesondere in Österreich-Ungarn sowie Gegenwartsliteratur. Zurzeit ist sie mit der Edition der Dramen und Hörspiele des österreichischen Schriftstellers Albert Drach (1902–1995) im Rahmen eines weiteren FWF-Projekts befasst.

Projektdatenbank: www.univie.ac.at/transdifferenz

Publikationen
http://transdifferenz.univie.ac.at/publikationen/

Alexandra Millner, Katalin Teller: Auf Reisespuren in Bertha und Arthur Gundaccar von Suttners Literatur. In: Johann Georg Lughofer/Milan Tvrdík (Hg.): Suttner im KonText (https://www.winter-verlag.de/en/detail/978-3-8253-6552-3/Lughofer_Tvrdik_Hg_Suttner_im_KonText/). Interdisziplinäre Beiträge zu Werk und Leben der Friedensnobelpreisträgerin. Heidelberg: Winter-Verlag 2017, S. 45–73

Alexandra Millner, Katalin Teller (Hg.): Transdifferenz und Transkulturalität. Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns. Bielefeld: transcript Verlag (Sammelband in Vorbereitung)

 

Bild und Text ab Montag, 9. Oktober 2017 ab 9.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://scilog.fwf.ac.at

 

Wissenschaftlicher Kontakt
Dr. Alexandra Millner
Institut für Germanistik
Universität Wien
Universitätsring 1
1010 Wien
T +43 / 1 / 4277-42195
M +43 / 699 / 19231726
E alexandra.millner@univie.ac.at
W http://germanistik.univie.ac.at/

Der Wissenschaftsfonds FWF
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