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Wissenschaft

16. November 2011

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Bohrende Fragen & tiefschürfende Antworten: Österreich erstmals beim „Integrated Ocean Drilling Program“ dabei

Erstmals wird morgen ein Wissenschafter aus Österreich aktiv an einer Expeditionsfahrt des Integrated Ocean Drilling Program (IODP) teilnehmen. Dieses multinationale Forschungsprogramm trägt durch eine intensive Erforschung des Meeresbodens zu einem neuen Verständnis physikalischer und biologischer Vorgänge auf der Erde bei. Gemeinsam mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanziert der Wissenschaftsfonds FWF den jährlichen Beitrag Österreichs zu diesem Programm. Die Beteiligung der ersten Person aus Österreich an einer Bohrfahrt des Expeditionsschiffes JOIDES Resolution stellt nun den vorläufigen Höhepunkt dieser Beteiligung am IODP dar.

Die Tiefen der Meere sind noch immer wissenschaftliches Neuland. Ganz „abenteuerlich“ wird die Wissenschaft aber, wenn man noch weiter vorstoßen will – in die Tiefen der ozeanischen Erdkruste. Genau das ist das Ziel des im Jahr 2003 gegründeten Integrated Ocean Drilling Program (IODP).

Das internationale Forschungsprogramm will dabei die Struktur und die Geschichte der Erde anhand von Meeresbodensedimenten erforschen. Mehrere Spezialschiffe mit modernsten Bohreinrichtungen und wissenschaftliche ExpertInnen aus den verschiedensten Ländern werden im Rahmen von IODP eingesetzt, um auf offener See Bohrkerne aus der Erdkruste zu ziehen. Neben den beiden Leitagenturen, dem japanischen Ministerium für Bildung, Kultur und Sport und der amerikanischen National Science Foundation NSF, wird IODP maßgeblich von einem Konsortium europäischer Nationen mitfinanziert. Den österreichischen Mitgliedsbeitrag von 100.000 US-Dollar teilen sich die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Wissenschaftsfonds FWF zu gleichen Teilen. Durch diesen Beitrag erhalten WissenschafterInnen aus den Mitgliedstaaten das Recht, sich um die Mitarbeit bei einer Expeditionsfahrt auf einem der Schiffe zu bewerben. Mit der Teilnahme von Dr. Patrick Grunert, Paläobiologe an der ÖAW und am Institut für Erdwissenschaften der Universität Graz, ist Österreich nun das erste Mal mit an Bord.

Durchbruch in der Wissenschaft

Acht Wochen lang wird der Mikropaläontologe gemeinsam mit einem 30-köpfigen ForscherInnen-Team im Südwesten der Iberischen Halbinsel wissenschaftliche Tiefseebohrungen durchführen. Dabei ist das Team einem echten „Durchbruch“ auf der Spur – dem, der die Iberische Halbinsel vom afrikanischen Kontinent löste. Vor 5,2 Millionen

Jahren entstand die Straße von Gibraltar, die das Mittelmeer mit dem Atlantischen Ozean verbindet, erläutert Dr. Grunert: „Das ausströmende salzreiche Mittelmeerwasser hat die Meeresströmungen im Atlantik massiv verändert. Ob dadurch Klimaveränderungen beeinflusst wurden, untersuchen wir im Rahmen unserer Expedition.“ Tatsächlich sehen viele WissenschafterInnen im Klima des Pliozäns – vor 5,3 bis 2,6 Millionen Jahren – eine Parallele zu der aktuell vorausgesagten Klimaerwärmung: Hohe CO2-Konzentrationen und Temperaturen gingen auch im mittleren Pliozän ( vor 4,5 bis 3 Millionen Jahren) Hand in Hand. Welche Auslöser aber zu jener Klimaerwärmung sowie später – am Übergang in die heutigen Klimabedingungen – zu einer Abkühlung geführt haben, ist ungeklärt.

Thermometer aus der Tiefe

Zum Erkennen von Zusammenhängen zwischen Meeresströmungen und Klimaveränderungen im Pliozän nutzt Dr. Grunert sehr tief liegende „Thermometer“ – Bohrkerne, die JOIDES aus einer Tiefe von bis zu 2.600 Metern ziehen wird. Dazu Dr. Grunert: „Mich interessieren darin Foraminiferen. Diese sind einzellige Organismen, die zahlreiche marine Lebensräume erobert haben und fossil erhaltungsfähige Gehäuse bilden können. Ihre Verbreitungsmuster sowie die geochemische Zusammensetzung ihrer Kalkschalen geben Informationen über frühere Umweltbedingungen.“

Bereits an Bord der JOIDES wird der Mikropaläontologe erste Untersuchungen in speziell eingerichteten Hightech-Labors durchführen. Darauf aufbauend können nach Beendigung der Expedition die Proben ausgesucht werden, die für die weitere Analyse geeignet sind. „Durch die Teilnahme an dieser IODP-Expeditionsfahrt habe ich die Möglichkeit, einzigartiges Probenmaterial aus den Bohrungen für spätere Untersuchungen in Österreich zu beziehen“, so Dr. Grunert. Damit bieten sich dem Wissenschafter außergewöhnliche Forschungsbedingungen, die ohne den finanziellen Beitrag des FWF zum IODP nicht möglich gewesen wären. So trägt der FWF dazu bei, dass österreichische SpitzenforscherInnen auch in Zukunft an der internationalen Forschungsfront bestehen können.

Bild und Text ab Mittwoch, 16. November 2011, ab 09.00 Uhr MEZ verfügbar unter: http://www.fwf.ac.at/de/public_relations/press/pv201111-de.html

Wissenschaftlicher Kontakt: Dr. Patrick Grunert
Institut für Erdwissenschaften Universität Graz Heinrichstraße 26

A-8010 Graz
T +43 / (0)316 / 380 – 8735
E patrick.grunert@uni-graz.at

Der Wissenschaftsfonds FWF: Mag. Stefan Bernhardt
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Wien, 16. November 2011